Sebastian Seitz im Interview zum Ökosystem der industriellen Automatisierung
16/12/21

"Lass uns endlich vom Gleichen reden"

Autor: Birgit Hagelschuer Lesezeit: Minute Minuten

Ein digitales Ökosystem ist ein verteiltes, anpassungsfähiges, offenes soziotechnisches System mit Eigenschaften der Selbstorganisation, Skalierbarkeit und Nachhaltigkeit. Kann davon der Maschinen- und Anlagenbau profitieren? Bernhard D. Valnion, Chefredakteur d1g1tal AGENDA, fragt nach bei Sebastian Seitz / CEO Eplan.

Herr Seitz, was hat Eplan veranlasst, ein digitales Ökosystem im Maschinen- und Anlagenbau etablieren zu wollen?

Unser Ansatz ist nicht, ein neues Ökosystem zu etablieren oder zu erfinden. Wir wollen dabei unterstützen, das existierende Ökosystem im Kontext der Automatisierung von Maschinen und Anlagen zu digitalisieren. In aller Regel entstehen Maschinen und Anlagen in einem engen Zusammenwirken vieler Betriebe. Angefangen bei den Betreibern, die Maschinen und Anlagen zum Herstellen ihrer Produkte einsetzen und die selbst auch bereits Vorstellungen haben, welche Automatisierungskomponenten zum Einsatz kommen sollen. Dann die Maschinen- und Anlagenbauer mit den im Kontext agierenden Schaltanlagenbauern. Und last but not least die Komponentenhersteller, die beispielsweise Steuerungen, Antriebe, Klemmen, Schaltschränke und viele weitere Geräte herstellen. Das ist das – von intensiver Zusammenarbeit geprägte – Ökosystem, das wir mit der Eplan Plattform ansprechen. Alles in allem ist das ein signifikant großer Markt. Wir wollen alle Akteure ins Boot holen, die die Maschinen und Anlagen entwickeln, herstellen und betreiben. Es funktioniert ja nur, wenn alle Spieler auf dem Feld auf eine gemeinsame Datenbasis zugreifen und von der Spezifikation bis zum Betrieb einer Maschine/Anlage über das Gleiche reden.

Welche Rolle spielt in diesem Kalkül Ihr Unternehmen?

Wir verstehen uns als Enabler für die Digitalisierung. Wir sorgen dafür, dass die Automatisierungstechnik maßgeschneidert entwickelt werden kann und darüber hinaus alle notwendigen Unterlagen für den Bau einer Steuerungsanlage im Zugriff sind. Alle an der Entwicklung Beteiligten greifen auf die gleiche Datenbasis zu. Zudem geben wir dem Betreiber die Möglichkeit, aufgrund der vollständigen Dokumentation seine Anlage in kürzester Zeit in Betrieb zu nehmen, zu modernisieren oder Stillstandszeiten zu minimieren – so schließt sich der Kreis.

Über welche Tools reden wir dabei?

Engineeringdaten der Geräte werden den Anwendern zentral über unser Eplan Data Portal zur Verfügung gestellt. Auf dieser Basis kann der Betreiber Vorzugslisten zu Gerätespezifikationen erstellen. Und mit dem, was wir als „Eplan Projekt“ bezeichnen, lassen sich diese Informationen über die Eplan Plattform zusammenfassen und mit den Projektpartnern austauschen.

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"Unser Ansatz ist nicht, ein neues Ökosystem etablieren zu wollen oder zu erfinden. Wir wollen dabei unterstützen, das existierende Ökosystem im Kontext der Automatisierung von Maschinen und Anlagen effizient zu digitalisieren.", erklärt Sebastian Seitz, CEO von Eplan.

Der Begriff „digitales Ökosystem“ wird vielfach als Klammer einer großen Zahl von IT-Systemen verstanden. Und das Angebot dafür ist groß, daher die Frage: Was macht das Angebot aus Ihrem Hause einzigartig?

Über die digitalen Möglichkeiten, insbesondere die Cloud-Technlogien, vernetzen wir Unternehmen mit deren Kunden und Lieferanten für einen einfachen und sicheren Datenaustausch. Das Eplan Projekt als zentrale, digitale Repräsentanz einer Automatisierungslösung versorgt alle Prozesse mit den notwendigen Daten. Es handelt sich hier um eine Art „Datencontainer“, der aus den Systemen der Eplan Plattform gespeist wird. Dieser generiert Mehrwerte in der digitalisierten Zusammenarbeit – durch sicheren Datentransfer sowie zentralen Zugriff auf das Eplan Projekt.

Und wie passt der digitale Zwilling des Schaltschranks, der Maschine oder einer ganzen Anlage in dieses Bild?

Den Anspruch, den digitalen Zwilling der Gesamtanlage zu ermöglichen, erheben wir nicht. Aber durch die standardisierte Beschreibung der Automatisierungskomponenten wie Aktoren, Sensoren oder Steuerung und
deren Verbindungen liefern wir über den Schaltplan ein vollständiges digitales Abbild von dem, wie die Automation in Summe funktioniert. Hinzu kommt die Möglichkeit, den tatsächlichen Aufbau eines Schaltschranks im Sinne eines 3D-Modells zu erzeugen. So werden all jene Informationen zusammengeführt, die der Schaltschrankbauer benötigt, um seine Herstellungsprozesse zu automatisieren. Ich denke dabei etwa an die Vorkonfektionierung für die Verdrahtung. Dafür haben wir mit Eplan Pro Panel eine Lösung geschaffen, die den digitalen Zwilling des Schaltschranks abbildet.

Demnach ist Eplan Pro Panel integriert in die Eplan Plattform 2022?

Richtig. Eplan Pro Panel war schon immer Teil der Eplan Plattform, gemeinsam mit unseren Lösungen Eplan Electric P8 sowie Eplan Preplanning, Eplan Fluid und weiteren. Das Besondere an der Eplan Plattform ist, dass wir alle Informationen konsistent zu einer Gesamtdarstellung zusammenfügen und auf einem gemeinsamen Datenmodell arbeiten.

Mir scheint, die Eplan Plattform ist ein Tête-à-Tête mit dem Digital Thread?

Wenn Sie so wollen, warum nicht? Insofern nämlich, als sich so die gesamte Automatisierungstechnik innerhalb einer Anlage oder Maschine konsistent darstellen lässt. Wir folgen mit unserem Ansatz Initiativen wie eCLASS, ETIM und AML, die sich zum Ziel gesetzt haben, auf breiter Basis die elektrische Komponentenwelt in einem Standard zu beschreiben. Hinzu kommen allerdings Eplan Spezifika, um die Vollständigkeit bei der Datenbeschreibung zu garantieren – etwa für Spezialfälle in der Herstellung einer Schaltanlage mit einem Verdrahtungsroboter.

Halten Sie auch Aktien in Großvorhaben wie Gaia-X und Catena-X?

In dieser Hinsicht sind unsere Kollegen von der German Edge Cloud – die ebenfalls zur Friedhelm Loh Group gehört – sehr aktiv, um Grundlagenarbeit in den Organisationen zu leisten und Mehrwerte zu liefern. Wir haben zudem Schnittstellen identifiziert, die sich eignen, um in Zukunft Anlagenstrukturen durchgängig übergeben zu können.

Können Sie auf eine glaubwürdige Implementierungsstrategie verweisen und verlässliche ROI-Analysen liefern, die ein Investment rechtfertigen?

Wir sind unseren Kunden schuldig, die beste ECAD-Lösung anzubieten, die es am Markt zu kaufen gibt. Dies gilt vor allem für den Bereich des Detail Engineering der Automatisierungstechnik. Insgesamt haben unsere Werkzeuge rund 200 000 Anwender bei 60 000 Kunden im Einsatz. Für uns bedeutet dies eine große Verpflichtung, und wir arbeiten hart daran, unsere Marktführerschaft und das damit verbundene Vertrauen weiterhin zu festigen. All diese Anwendungen stehen jedoch nicht für sich alleine, sie sind vielmehr miteinander vernetzt. Daher ist die Eplan Plattform auch keine Closed-Shop-Angelegenheit – Offenheit ist ein Muss. Wir bieten einen flexiblen Einstieg in das Ökosystem der industriellen Automatisierung, sodass unsere Kunden für ihren speziellen Anwendungsfall innerhalb kürzester Zeit einen ROI erzielen können. Zunächst einmal geht ja darum, dass der Kunde sich auf keinen Kompromiss einlassen muss. Er kann auf Basis von Eplan Technologien stets die für ihn optimale Lösung finden. Und: Wenn der Kunde die IT-Unterstützung für seine Aufgabenstellung erweitern will, bieten wir ihm dafür eine zukunftsfähige – sprich: skalierfähige – Lösung. Der Kunde kann an der Stelle starten, an der er seinen größten Mehrwert sieht. Es liegt dann ein Stück weit an uns, ihm zu zeigen, wo sich weiteres Potenzial erschließen lässt, etwa in einer intensiveren Zusammenarbeit mit seinen Partnern und seinem Kunden. Machen wir uns also nichts vor: Dieses Ökosystem gibt es bereits im Maschinen- und Anlagenbau – nur treten bisher sehr viele Medienbrüche auf. Dadurch, dass alle Systeme der Eplan Plattform auf einer einheitlichen
Datenlogik aufsetzt, können wir den Beteiligten viele Mehrwerte bieten.

Fragen Ihre Kunden die ROI-Betrachtungen auch tatsächlich nach?

Wir haben für die einzelnen Anwendungsbereiche verschiedene Werkzeuge entwickelt, um derartige Analysen durchzuführen. Und in der Tat, das machen wir mit unseren Kunden häufig. Es geht darum, auf Basis von deren Ist-Situation das Nutzenpotenzial zu quantifizieren. In diesen Kontext passt unser Angebot einer gerade im Aufbau befindlichen „Customer Centric Platform“, das an einer Stelle zusammengefasst den notwendigen Content bereitstellt, um den Einstieg beziehungsweise die erweiterte Nutzung der Eplan Plattform so effizient wie nur möglich zu vermitteln. Erste Schritte wie eLearnings oder Guided Installations sind bereits umgesetzt und viele weitere werden folgen.

Inwieweit sprechen Sie mit Eplan Plattform auch einen disziplinübergreifenden – sprich: mechatronischen – Ansatz für die Maschinen- und Anlagenentstehung an?

Durch eine Vielzahl an Unterstützungsmöglichkeiten – hier einmal zwei  Beispiele: Das eine bezieht sich auf den Übergang vom Design des Automatisierungssystems in die Steuerungswelt, also die Anbindung an die Programmierungsumgebungen der marktführenden Steuerungsanbieter. An dieser Stelle haben wir mit der Standardisierung über AML viel erreicht. Das andere Beispiel: Ganz aktuell haben wir Eplan Harness proD, eine Software unter anderem zur  Feldverkabelung von Maschinen, mit den marktführenden MCAD-Umgebungen vernetzt. Dennoch lässt sich feststellen, dass für die Umsetzung von mechatronischen Ansätzen noch einiges getan werden muss. Ich glaube, dass es im Moment eher noch ein Prozess- und Methoden- als ein Tool-Thema ist.

 

Das Interview führte Bernhard D. Valnion / d1g1tal AGENDA - Ausgabe 4/21

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